Die Neuerfindung der Wirtschaft

Digitalisierung - Das Popup-Labor in der „Eule“ endet mit Blick in die Zukunft und Erkenntnissen der aktuellen Lage.

Quelle: Gmünder Tagespost - Autor: Kuno Staudenmaier

Schwäbisch Gmünd. Nach acht Tagen intensiver Arbeit im Popup-Labor stoßen Initiatoren und Gäste mit einem Glas Sekt an. Am Freitagabend endet ein erstes Experiment, das vor allem kleinen und mittleren Betrieben den Weg in die Zukunft bereiten soll. Nicht immer waren alle zur Stelle, „es ist doch eher schwierig, den Mittelstand zu aktivieren“, sagt Professor Dr. Gerhard Schneider, Rektor der Hochschule Aalen. „Sicher ist, dass wir den Namen ändern müssen“, betont Bürgermeister Dr. Joachim Bläse. Viele, die das Thema eigentlich angeht, fühlen sich mit Popup-Labor nicht angesprochen.

Und viele, nicht nur im Mittelstand, sind dabei, die Zukunft zu verschlafen. Diese Erkenntnis gewinnt Klaus Burmeister, Zukunftsforscher aus Berlin. Er sprach am Freitagabend über eine „Reise in die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft“. Die Zeit erfordere es, die eingeschlichtene Routine neu zu überdenken. Mit dem Begriff Industrie 4.0 sei die Entwicklung nicht ausreichend definiert. „Es geht um die Neuerfindung der Wirtschaft, auch Dienstleistungen sind darin enthalten.“ Industrie 4.0 gebe es seit sieben Jahren, „und wir sind immer noch im Stadium des Pilotprojekts“.

    So schlecht stehen wir nicht da.
    Dr. Rainer Nägele,
    Technologiebeauftragter

Baden-Württemberg mit seiner auf die Automobilproduktion ausgerichteten Monostruktur sei besonders gefährdet. Nach dem aktuellen Gerichtsurteil ist Klaus Burmeister davon überzeugt: „Der Diesel ist tot.“ Er berichtete von Versuchen im Jahr 1994: Zwei Mercedes seien autonom über die Autobahn gefahren. Weiter verfolgt habe man die Forschung nicht. Begründung: „Wir wollen Autofahrer nicht bevormunden.“ Die Unternehmen könnten heute schon auf Kurs sein. In die Zukunft denken heißt für Burmeister: Die neue Mobilität erkennen, weg vom persönlichen Besitz hin zu einer Plattform mit der Dienstleistung Mobilität. Kritik übte er am neuen Bundesverkehrswegeplan bis 2030. „Da gibt es 300 Milliarden Euro für Beton und Teer, nur 300 Millionen Euro für die moderne Infrastruktur.“ Der frühere Verkehrsminister Alexander Dobrindt habe Innovation verhindert.

Innovation findet aber trotzdem statt. „So schlecht stehen wir nicht da“, sagt Dr. Rainer Nägele, Technologiebeauftragter der Landesregierung, in einer abschließenden Diskussionsrunde. Erst am Freitagfrüh kehrte er von einer Japanreise mit Wirtschaftsvertretern zurück. Baden-Württemberg laufe nicht hinterher, der Technologietransfer sei hier besser aufgestellt.

Aber: „Was die Japaner vorhaben, tun sie konsequent.“ Während man in Deutschland geneigt sei, immer gleich mehrere Probleme zu sehen, konzentrierten sich die Japaner auf ein Thema. In diesem Fall geht es um den Energieträger Wasserstoff. Nicht nur für die Mobilität, sondern für den gesamten Lebensbereich bis zur Wärmeerzeugung. Auch Schneider ist überzeugt, dass Japan Deutschland nicht den Rang ablaufe. Vor mehr als 20 Jahren habe man noch befürchtet, von der dortigen Industrie überholt zu werden. „Heute sehe ich, dass unsere Wirtschaft gut aufgestellt ist.“ Er sieht besondere Vorteile bei der Kreativität, der Förderung von Ideen, in der Begeisterung und auch im Fleiß. „Man kann auch nicht sagen, der Mittelstand verpasst die Digitalisierung.“ Das verhindern schon Initiativen, auf die der städtische Wirtschaftsbeauftragte Alexander Groll hinwies. „Wir starten im Mai mit unserem Coworking Space“, einem Innovationszentrum für Starter im früheren Telekom-Gebäude.“

Und Michael Nanz, Technische-Akademie-Geschäftsführer, erinnerte an das Digitalisierungszentrum Ostwürttemberg. Dr. Ursula Bilger, Wiro-Chefin, möchte bei künftigen Veranstaltungen wie dem Popup-Labor „das Potenzial noch besser ausschöpfen.“ Unternehmen sollten noch früher über solche Vorhaben informiert werden.