Von Automotive zu Medizintechnik & Co.

Ostwürttemberg verfügt über gute Netzwerke für einen erfolgreichen Strukturwandel

Quelle: IHK Ostwürttemberg - Autor: pm - Bild: pm

Die Zahlen sind bekannt, beeindrucken aber doch immer wieder: Rund ein Drittel aller deutschen Unternehmen der Automobilindustrie sind in Baden-Württemberg ansässig, sie ist mit 21,1 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Jobs die Schlüsselbranche. Hierzu zählen auch über 1.000 kleine und mittlere Zulieferunternehmen der Automobilbranche. Von diesen sind über 250 Unternehmen mit mehr als 30.000 Arbeitsplätzen als direkte oder indirekte Zulieferer der Hersteller von Pkw, Lkw, Nutz- und Spezialfahrzeugen in Ostwürttemberg angesiedelt.

Viele der metallverarbeitenden Unternehmen haben sich mit ihren Produkten und Komponenten auf den sog. Antriebsstrang im Auto konzentriert. Laut VDA (Verband der Automobilindustrie e.V.) arbeitet bundesweit die Hälfte der Beschäftigten der Automobilzulieferindustrie in diesem Segment. Wenn man aber bedenkt, dass gerade der Antriebsstrang bei der E-Mobilität ganz anders und wesentlich weniger komplex ist, dann wird klar, dass viele Unternehmen in der Produktion von Getrieben und Motoren vor erheblichen Herausforderungen stehen und sich zukünftig anders aufstellen müssen, um nicht von dieser Transformation zu sehr betroffen zu sein. Immerhin gehen aktuelle Studien davon aus, dass in Baden-Württemberg durch die Umstellung auf die E-Mobilität bis zu 40.000 Jobs gefährdet sind. Die metallverarbeitende Industrie dürfte hiervon besonders betroffen sein. Es stellt sich daher gerade für die Region Ostwürttemberg die Frage, wie gut die metallverarbeitenden Unternehmen auf diesen Strukturwandel vorbereitet sind. Eine Frage, die durch die COVID-19-Krise noch brisanter geworden ist. Oder anders formuliert, arbeiten diese Unternehmen nur für den Automobilsektor oder bedienen sie auch andere Kunden in anderen Sektoren. Wenn ja, in welchen? Wenn die Unternehmen bereits heute, wenn auch in kleinerem Umfang, Märkte außerhalb des Automobilbereiches adressieren, dann ist eine derartige Diversifizierung sicherlich leichter zu schaffen als für solche, die sich bisher ausschließlich auf den Automobilsektor konzentriert haben.

Für diese Untersuchungen wurde auf die öffentliche Unternehmensdatenbank der Automotive-Initiative Ostwürttemberg zurückgegriffen, welche durch die WiRO (Wirtschaftsförderungsgesellschaft mbH Region Ostwürttemberg) koordiniert wird. Hier sind ca. 175 Unternehmen aufgelistet, die in der Clusterinitiative aktiv sind. 66 davon sind laut der Datenbank im metallverarbeitenden Bereich tätig, überwiegend sind das kleine und mittlere Unternehmen. Auch wenn nicht alle Unternehmen der Region in dieser Datenbank aufgeführt sind, so repräsentiert diese die Unternehmen des Sektors ganz gut. Im Rahmen des durch die ClusterAgentur BadenWürttemberg durchgeführten Clustermappings wurden die Produkte und Kundensegmente der in der Datenbank gelisteten Betriebe untersucht, um einen Eindruck zu bekommen, welche Kompetenzen im Netzwerk existieren und wie weit die Akteure bereits diversifiziert sind. Für diese Arbeiten wurden ausschließlich öffentlich zugängliche Informationen verwendet.

Die gute Nachricht ist, dass weniger als 20 Prozent der untersuchten metallverarbeitenden Unternehmen dem Ergebnis des Clustermappings nach zu urteilen allein auf den Automotive-Sektor fokussiert sind. Immerhin ein Viertel agiert neben dem Automotive-Sektor noch in einem weiteren (z. B. Energietechnik). Gleichzeitig scheint etwas mehr als die Hälfte der Unternehmen durchaus gut diversifiziert zu sein, da diese mindestens in zwei weiteren Sektoren außerhalb des Automobilsektors aktiv sind (s. Abb. 1). Wenn man sich nunmehr anschaut, in welchen anderen Sektoren diese Unternehmen auch noch aktiv sind, so stellt man fest, dass es insbesondere die Bereiche Energietechnik, Elektroindustrie, Sondermaschinenbau sowie Medizintechnik sind. Alles Branchen, in denen hohe Präzision und Qualität von gefertigten Produkten und Komponenten eine entscheidende Rolle spielen.

Beispielhaft seien an dieser Stelle Unternehmen wie Wilhelm Stolz GmbH (70 Beschäftigte) oder ROKU Mechanik GmbH (220 Beschäftigte) genannt, die Produkte nicht nur für den Automobilsektor herstellen, sondern auch für die Medizintechnik und andere Branchen. Was bedeuten diese Ergebnisse? Die aktuelle Situation demonstriert abermals, wie Unternehmen, die sich über Jahre nur auf einen Sektor konzentrieren, anfällig sind. Zumal der Automobilsektor schon seit längerem, nicht erst seit der COVID-19-Krise, unter erheblichem Transformationsdruck steht. Es wird deutlich, dass sich eine Reihe von Unternehmen bereits seit längerem auf den Weg gemacht hat, sich ein zweites oder drittes Standbein außerhalb des Automobilsektors aufzubauen. Diese Standbeine gilt es zu stärken; gleichzeitig können aber auch andere Unternehmen von diesen lernen.

Genau hier kann die Netzwerkarbeit in der Region ansetzen und sich zukünftig eher darauf konzentrieren, wie es Unternehmen besser gelingt, basierend auf ihrer Kernkompetenz den Weg in andere Sektoren und Branchen zu öffnen. Hierzu bedarf es, die Marktmechanismen dieser Sektoren zu verstehen und sein Geschäftsmodell entsprechend anzupassen, um in neue Zulieferketten integriert zu werden. Die Region Ostwürttemberg verfügt über derartige Netzwerke mitsamt den Intermediären, wie Wirtschaftsförderern und Kammern, um die Unternehmen auf diesem Weg zu unterstützen. Viele Unternehmen haben sich in den letzten Jahren in neue Zulieferketten, wie die Medizintechnik, integriert, auch jenseits von Automotive. Es müssen aber noch viele folgen, wenn die Region ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig erhalten will.