"Die Innovation ist auf der Ostalb zu Hause!"

Interview mit Landrat Klaus Pavel über seine 24-jährige Amtszeit, die Entwicklung der Wirtschaftsregion und warum sich die Ostalb von der grauen Maus zum glänzenden Schwan entwickelt hat

Das Amt des Landrats hat Klaus Pavel immer auch als das des obersten Wirtschaftsförderers begriffen. In den vergangenen 24 Jahren hat sich die Ostalb rasant entwickelt: vom gefühlten Stuttgarter Hinterland zu einer Region, die stolz sein kann auf ihre Firmen, Innovationen - und jene Menschen, die dahinter stehen. lm Gespräch mit WirtschaftRegional zieht Klaus Pavel Bilanz und blickt auch voraus.

Herr Pavel, fast ein Vierteljahrhundert als Landrat des Ostalbkreises liegt nun hinter Ihnen. Nun ist Schluss. Sind Sie zufrieden?

Die Ostalb hat sich in den vergangenen 25 Jahren sehr gewandelt, daher kann ich mit Selbstbewusstsein sagen: Eigentlich bin ich sehr zufrieden mit der Entwicklung. Gerade die öffentliche Wahrnehmung, regional und überregional, hat sich sehr zum Positiven gewandelt.

Bei Ihrem Amtsantritt 1996 steckte die Ostalb in einer Strukturkrise, 2020 wie der Rest des Landes in der Coronakrise. Sind die Situationen vergleichbar?

Nein, das denke ich nicht. Mitte der 1990er-Jahre steckte die Wirtschaft in einer tiefen Struktur- und Arbeitsmarktkrise. Die Arbeitslosenquote, vor allem unter den Jugendlichen, war durchgehend hoch. Das ist heute anders, daran wird auch
die Corona-Krise, die natürlich eine negative Delle verursacht, nichts ändern. Die Zahl der Ausbildungsstellen ist noch immer höher als die Nachfrage. Und: Die Ostalb hat sich in den vergangenen Jahren ihre Zukunftsfähigkeit hart erarbeitet, die Wirtschaftsstruktur ist mit jener vor mehr als 20 Jahren kaum zu vergleichen. Unsere familiengeführten, mittelständischen Unternehmen spielen dabei eine wichtige Rolle - und natürlich auch die Leuchtturmfirmen, von denen es einige gibt.

Sie haben rasch nach Ihrem Amtsantritt die WiRO initiiert, ebenso die Zukunftsinitiative immer wieder neu belebt, die die Region spürbar nach vorne gebracht hat. Welche Erfogle sind davon heute sichtbar?

Ein Beispiel ist die prächtige Entwicklung der Hochschulen. Zentrales Anliegen der Zukunftsinitiative war deren breitere Aufstellung. Auch die Zusammenarbeit in der regionalen Wirtschaftsförderung gestaltet sich heut ungleich intensiver. Man hat erkannt, dass lokale Wirtschaftsförderung zwar wichtig ist, aber nur in Kooperationen die Region weiterbringen. Der Innovationspreis war ebenfalls ein wichtiges Signal für die Region und darüber hinaus, dass Wirtschaftsleistungen wertgeschätzt werden.

Die WiRO hatte vor allem in den Jahren zu Beginn mit reichlich Gegenwind zu kämpfen. Warum ist eine regionale Wirtschaftsförderung sinnvoll, wenn es bereits eine IHK gibt?

Ich bin fest davon überzeugt, dass es richtig ist, regionale Wirtschaftsförderung nicht als Aufgabe eines einzelnen Wirtschaftsverbandes zu begreifen. Sie muss alle Akteure der Wirtschaft mit einbeziehen: von den Kommunen über die Handwerksfirmen bis hin zu den mittelständischen Unternehmen.

Sie haben mal gesagt: "Vor der WiRO war Ostwürttemberg eine graue Maus". Was ist die Region heute?

Ein glänzender Schwan.

Die "Region der Talente und Patente" vergibt nun seit 20 Jahren den Innovationspreis, den Sie mitinitiiert habe. Was hat Sie in dieser Zeit am meisten beeindruckt?

Allein die unglaubliche Patentdichte in der Region begeistert immer wieder. Und das betrifft nicht nur einige wenige Firmen: In kleinen wie in großen Unternehmen nehmen Forschung und Entwicklung eine herausragende Rolle ein. Die Innovation ist auf der Ostalb zu Hause!

Eines der jüngsten Projekte ist die Fachkräfteallianz Ostwürttemberg. Nun kam Corona. Welche Bedeutung kann diese Allianz in den aktuellen und wohl kommenden Krisenzeiten haben?

Natürlich ist der Fachkräftemangel für viele Firmen aktuell nicht das drängendste Thema, docha uch in schwierigen Zeiten brauchen wir, braucht die Region Fachkräfte. Es geht nicht nur darum, diese in der Region zu halten, sondern auch, sie nach Ostwürttemberg zu bekommen und hier zu halten. Deshalb ist die Fachkräfteallianz heute genauso wichtig wie vor einem Jahr. Das merke ich in den Gesprächen mit den Unternehmen. In der Allianz sind alle wesentlichen Akteure des Wirtschaftslebens organisiert, das zeigt deren Bedeutung für die Region.

Sie haben in Stuttgart, Berlin und Brüssel die Werbetrommel für die Region gerührt - als eine der ersten Regionen war Ostwürttemberg überhaupt vor Ort. Aus heutiger Sicht und in der Langzeitbilanz: Was hat das gebracht?

Wir waren überhaupt die Ersten! Ich kann mich noch gut entsinnen, wie ungläubig viele reagiert und uns gefragt haben, was wir dort, erst in Stuttgart, dann in Berlin und Brüssel, überhaupt als kleine Ostalb wollen. Dennoch waren die Präsentationen volle Erfolge. sie waren qualitativ absolut hochwertig, hochprofessionell und haben die überregionale Wahrnehmung Ostwürttembergs nachhaltig verbessert. Und sie haben viele Türen geöffnet und Kontakte geknüpft, wir haben in der Folge mit Erfolg an vielen Förderprogrammen teilgenommen. Das hat die Ostalb enorm nach vorne gebracht.

Wie hat sich das Zusammenspiel der beiden Landkreise seit den 1990er-Jahren entwickelt? Wo sehen Sie noch Potenziale?

Sicher gibt es noch Optimierungspotenzial, aber die Zusammenarbeit ist bereits jetzt sehr gut. Das gemeinsame Mobilitätskonzept zwischen Aalen und Heidenheim ist eine Riesenchance für die gesamte Region. Der Raum zwischen den
beiden Städten ist Heimat von rund 80.000 Arbeitsplätzen und mehr als 120.000 Menschen und hat sehr große Potenziale. Auch im Bereich der Kliniken könnte eine vertiefte Kooperation Sinn haben. Wichtig ist: Wir dürfen nicht in Kreisgrenzen denken.

Dann gibt es da immer noch die Animositäten zwischen Gmünd und Aalen.

Es hat tatsächlich viele Jahre gedauert, ein Zusammenwachsen zu erzeugen. Corona hat das nun weiter verstärkt. Die Interessen aller Raumschaften im Ostalbkreis unter einen Hut zu bringen, bleibt eine Daueraufgabe.

Der Landkreis Heidenheim hat in den vergangenen Jahren auch Bande mit dem Großraum Ulm geknüpft. Sehen Sie dort auch für den Ostalbkreis Potenzial?

Der Ulmer Raum ist auch Wohnort für viele Fach- und Führungskräfte, die im Ostalbkreis tätig sind und andersherum. Alleine deshalb ist die Raumschaft auch für uns interessant, wie auch für den Landkreis Heidenheim die Achse von Aalen nach Stuttgart. Beides sind für unsere Region wichtige Wirtschaftsräume, von denen wir profitieren können.

Die Diskussion um ein mögliches Oberzentrum hat Ihre Amtszeit immer wieder begleitet. Wie sinnvoll war diese Debatte?

Debatten können durchaus sinnvoll sein. Aber manche bringen einfach nichts - wie diese. Die Diskussionen um ein mögliches Oberzentrum waren nicht hilfreich, weil sie niemals einen Mehrwert hatten.

In welchen wirtschaftlichen Bereichen sehen Sie den Ostalbkreis gut aufgestellt - und wo gibt es noch etwas zu verbessern?

Die Ostalb ist ein Produktionsstandort allererster Güte. Ich hoffe nicht nur, dass das so bleibt, sondern auch, dass der Ausbau der Forschungseinrichtungen weiter geht. Wir verfügen bereits über wichtige Schnittstellen zwischen Hochschulen und Unternehmen, die Innovationen befeuern und die Ostalb eben zum Raum der Talente und Patente machen. Digitalisierung in der Fertigung und Anwendung, Künstliche Intelligenz in der Forschung, Entwicklung und Produktion und Robotik sind Zukunftsthemen für die Ostalb. Diese werden in Zukunft noch wichtiger. Und: Der Ostalbkreis bräuchte ein größeres, interkommunales Industriegebiet.

Warum?

Wie verfügen über viele Gewerbegebiete, aber ein reines Industriegebiet würde noch einmal Schwung in die Ansiedlung neuer Firmen bringen.

Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung der KSK - vor allem im Vergleich mit anderen württembergischen Kreissparkassen? Und wo kann das Institut noch besser werden?

Die Kreissparkasse war schon immer ein wichtiger Finanz-Dienstleister für die Region, deren Wert sich auch in der Krise zeigt. Im Vergleich braucht sie sich vor keiner anderen Sparkasse zu verstecken, sie hat inzwischen eine Größe und
Struktur entwickelt, die ein echter Mehrwert für die Menschen und die Firmen sind. Zu Beginn meiner Amtszeit war die KSK eher als Krisenmanager und Rettungsanker gefragt, die Strukturkrise war dramatisch, in den vergangenen Jahren dann als Begleiter des Wachstums der mittelständischen Firmen. Damals und auch heute zeigte sich der Wert eines öffentlich-rechtlichen Kreditinstituts, das eng an der Seite der Unternehmen steht. Ich bin also mit der Entwicklung und der Arbeit sehr zufrieden - und muss gestehen, dass ich kaum Anhaltspunkte sehe, wie die Kreissparkasse noch viel besser werden könnte. In den kommenden Jahren werden die regulatorischen Anforderungen sicher weiter steigen, aber die KSK Ostalb wird auch diese Herausforderungen meistern.

Wie viel Wirtschaftsförderung steckt eigentlich im Job des Landrats?

Eine ganze Menge, Ich habe die Rolle des Landrats immer auch als die des ersten Wirtschaftsförderers des Kreises begriffen.

Einer der mittlerweile zentralen Standortfaktoren ist die Breitbandanbindung. Gerade der Ostalbkreis musste als ländlich geprägter Raum lange um den Anschluss kämpfen, hat vieles in Eigenregie organisiert. Wie sehen Sie die Ostalb aufgestellt?

Die Breitbandanbindung ist mittlerweile für viele Firmen ein zentrales Standortkriterium, das haben uns viele Unternehmen in den vergangenen Jahren auch immer wieder bestätigt. Der Landkreis hat entsprechend viel Geld in die Hand genommen, um hier die Voraussetzungen zu schaffen. Als eine der wenigen Landkreise überhaupt haben wir den Ostalbkreis mit der Backbone-Trasse sogar selbst erschlossen und eine eigene Gesellschaft - die Kom.Pakt.Net - mit weiteren Kreisen gegründet. Nun gilt es, Schritt für Schritt für eine flächendeckende Versorgung zu sorgen. Nicht nur durch die Digitalisierung der Wirtschaft wird diese immer wichtiger.

Die regionalen Hochschulen haben sich in den vergangenen Jahren rapide entwickelt, vor allem die Hochschule Aalen wächst und ist fest in den Unternehmen der Region verankert. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung?

Die Hochschule Aalen hat sich prächtig entwickelt - sie ist, wie die anderen Hochschulen übrigens auch - ein wichtiger, unbezahlbarer Wert für die Ostalb. Wir haben die Entwicklung deshalb als Landkreis stark gefördert, etwa mit dem Aufbau von Stiftungsprofessuren oder der Beteiligung am Förderprogramm RegioWin. Eindrucksvoll ist auch das Engagement der Unternehmen für "ihre" Hochschule. Ebenso wichtig sind die Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd, die Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd und die SRH-Hochschule in Ellwangen.

Es gab in Ihrer Amtszeit auch Rückschläge wie Werkschließungen, Insolvenzen, große Entlassungswellen - welches Ereignis ist Ihnen hier besonders schmerzhaft in Erinnerung geblieben?

Sicherlich die Universal-Schließung in Westhausen. Ich war Ende der 1990er-Jahre häufig als Moderator gefragt, vor allem von Seiten der Arbeitnehmervertreter. Von diesen Einsätzen wird mir vieles in Erinnerung bleiben. Zuletzt stand natürlich der Stellenabbau bei Bosch AS in Schwäbisch Gmünd im Mittelpunkt.

Für diese Arbeit haben Sie wie der Gmünder Oberbürgermeister Richard Arnold vor kurzem von den Arbeitnehmervertretern großes Lob für die klaren Worte an die Geschäftsführung erhalten. Wird der Einfluss eines Landrats, auch wenn es um einen Weltkonzern geht, bisweilen unterschätzt?

Möglicherweise — aber sicher nicht auf der Ostalb (lacht). In den vergangenen 24 Jahren habe ich an vielen Verhandlungen oder Runden Tischen teilgenommen, weil ich sehr häufig . angefragt wurde. Und wenn ich es geschafft habe, die
eine oder andere Tür zu öffnen, das eine oder andere Gespräch in die richtige Richtung zu lenken, dann freut mich das. Es braucht dafür nämlich viel Engagement, Zeit — und manchmal klare Worte. 

Am Ende steht dennoch die Streichung von fast 2000 Stellen am Standort Gmünd bis zum Jahr 2026. Ist das erst der Anfang des Niedergangs der Autozuliefererindustrie im Ostalbkreis?

Nein, das denke ich nicht. Bei Bosch AS gibt es ohnehin eine Sondersituation, die sich von anderen Firmen in der Branche unterscheidet. Lenkungen sind auch in den Bereichen Elektromobilität oder dem autonomen Fahren wichtige Fahrzeugkomponenten, deshalb war das Problem bei Bosch AS eher konjunktureller denn struktureller Natur. Die neue Mobilität verlangt von vielen weiteren Betrieben zwar eine neue Perspektive, vielleicht überdies neue Geschäftsmodelle, aber ich bin zuversichtlich, dass unsere Ostalbfirmen in der Automobilindustrie der Zukunft eine wichtige Rolle spielen werden und vorne dabei sind.

Ein Wirtschaftszweig, der Ihnen immer sehr am Herzen lag, ist die Landwirtschaft: anerkennend nennt man Sie auch den Bauern-Landrat. Woher kommt Ihr großes Engagement für den Agrarsektor und was haben Sie auf diesem Gebiet erreicht?

Bei aller Förderung der klassischen Wirtschaft darf man die Bedeutung der Landwirtschaft für die Ostalb nicht unterschätzen. Wir haben nicht nur viele Anbauflächen und eine tolle Landschaft, die es zu erhalten gilt. Die Landwirtschaft sichert
bei uns rund 3000 Arbeitsplätze. Alleine daraus ergibt sich die besondere Bedeutung. Und um das zu sichern, müssen alle an einem Strang ziehen. Wir haben viele Kooperationen und Kampagnen gestartet, um die bäuerlichen Betriebe zu unterstützen und die ein oder andere Zusammenarbeit. angestoßen. Die Förderung regionaler Produkte wird eine immer größere Bedeutung erfahren.

Diskussionen gab es auch um den Gesundheitsstandort Ostalb, Experten wollen die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland seit Jahren senken, der Landkreis hielt und hält stets an drei Standorten fest, trotz roter Zahlen und steigendem Kostendruck. Wie lange kann sich der Kreis diesen, sagen wir es überspitzt: Luxus noch leisten? Und warum sollte er das? 

Ich bin da völlig anderer Meinung als diese Experten. Ich halte absolut nichts davon, Krankenhäuser permanent nur an ihren Kosten zu messen. Das ist nicht unser Auftrag als Landkreis. Der lautet: flächendeckende Gesundheitsversorgung für die Bürger. Das ist die öffentliche Aufgabe! Den Ostalbkreis ist ein Flächenkreis, deshalb führt an einer dezentralen Struktur kein Weg vorbei. Das zeigen wir mit der Finanzierung von Investitionen
in die drei Krankenhäuser. Gerade in der Corona-Krise hat sich gezeigt, wie unglaublich wertvoll eine dezentrale Struktur ist. Kurze Wege, viele Kapazitäten, eine gute Versorgung. Es bringt uns in Deutschland nicht weiter, Wertschätzung in wohlfeilen Sonntagsreden zu bekunden, um anschließend wieder Gesundheit nur auf die produzierten Kosten zu reduzieren. Deutschland hat das beste Gesundheitssystem, das hat Corona gezeigt. Damit das so bleibt, müssen wir weiter investieren - und nicht bei der erstbesten Gelegenheit wieder den Kostendruck erhöhen.

Rückblickend: Was war Ihre beste Entscheidung - und welche die schlechteste?

Das kann ich beim besten Willen nicht einschätzen - das überlasse ich anderen.

Nun hat Ihre Amtszeit geendet: Was werden Sie vermissen - und was nicht?

Die vielen Begegnungen mit Menschen aus dem unterschiedlichsten Bereichen und natürlich meine großartigen Mitarbeiter. Das war in den vergangenen 24 Jahren schließlich keine One-Man-Show, sondern eine geschlossene, tolle Teamleistung. Auf was ich künftig gerne verzichte, ist wiederum die Terminhatz.

Joachim Bläse wird Ihr Nachfolger als Landrat. Gibt es etwas, was Sie ihm auf den Weg mitgeben möchten?

Glück Auf!