"Es wird eine Zeit nach der Krise geben"

WiRO-Geschäftsführerin Nadine Kaiser über die Folgen der Pandemie, die Herausforderung durch den Strukturwandel – und die Zukunft der Wirtschaftsförderung.

Quelle: Wirtschaft Regional - Autor: Robert Schwarz - Bild: pm

Schwäbisch Gmünd. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die regionale Wirtschaft sind dramatisch. Im Interview erklärt Nadine Kaiser, Geschäftsführerin der WiRO, wie die Lage bei den Betrieben ist, welche neuen Wege die Wirtschaftsfördergesellschaft geht – und warum sie sich um die Autoindustrie in der Region Sorgen macht.

Frau Kaiser, wie ist die Lage der regionalen Wirtschaft in Zeiten der Pandemie?

Nadine Kaiser: Die Lage ist ernst. Die Corona-Pandemie trifft die regionalen Unternehmen in einer sowieso schon herausfordernden Zeit. Die Wirtschaft in Ostwürttemberg war vor der Pandemie bereits mit den Herausforderungen des
Strukturwandels konfrontiert. Die Transformation in der Automobilbranche und das mögliche Ende des Verbrennungsmotors oder die digitale Transformation sind Themen, die unseren vom produzierenden Gewerbe geprägten Standort stark
fordern. Der Lockdown hat dazu geführt, dass in den vergangenen Monaten mehr als 4600 Betriebe Kurzarbeit angemeldet haben, damit sind fast 80.000 von rund 180.000 Beschäftigten betroffen. Unsere große Sorge ist – und das zeichnet
sich an vielen Stellen schon ab – dass die Brücke der Kurzarbeit nicht jeden Arbeitsplatz retten wird. Aber es gibt auch Erfolgsgeschichten in Industrie und Handwerk sowie einzelne Unternehmens-Leuchttürme, die sich über Wachstum und
steigende Nachfrage freuen oder die Krise genutzt haben, um ihr Leistungsportfolio anzupassen. Die Situation ist also sehr heterogen.

Verändert die Pandemie und deren Auswirkungen die Funktion der WiRO in der Region?

Zu Beginn der Pandemie waren wir mit anderen Wirtschaftsakteuren Erstberatungsstelle und Kontaktlotse für die Corona-Hilfsangebote von Bund und Land – manchmal auch Sorgentelefon. Branchen- und Netzwerkveranstaltungen haben in diesem Jahr nicht in gewohnter Form stattfinden können. Aber der persönliche Austausch der Akteure untereinander ist nicht abgebrochen und wurde von uns sogar noch verstärkt. Per Videokonferenz haben wir uns beispielsweise mit den kommunalen Wirtschaftsförderern oder mit den anderen Regionen noch häufiger als sonst besprochen. Dass der persönliche Austausch in einer Krise noch mehr an Bedeutung gewinnt, war allen schnell klar. Netzwerkarbeit geht auch im digitalen Raum.

Wie?

Unser im Juli gestartetes Veranstaltungsformat „UnternehmerTREFF digital“ vernetzt zahlreiche Teilnehmer virtuell und informiert über die verschiedensten unternehmerischen Themen. Darüber hinaus haben wir uns mit unser Fachkräftekampagne an mehreren digitalen Formaten und Online-Messen wie beispielsweise der Kontaktmesse #hirenotfire oder der Aalener Industriemesse „AIM for students“ beteiligt. Gerade die jungen Zielgruppen sind sehr aufgeschlossen für neue Wege und hier konnten wir wertvolle Impulse erhalten. Im Zuge dessen haben wir auch unsere Social-Media-Aktivitäten ausgeweitet.

Welche Kanäle nutzen Sie?

Auf LinkedIn erreichen wir Unternehmen zu allgemeinen Wirtschaftsthemen. Auf Facebook und Instagram sprechen wir potenzielle Fachkräfte an und platzieren Botschaften zu Standortmarketing. Dass wir in diesem Jahr jeder Bewerbung für den Innovationspreis einen Internet-Post gewidmet haben, kam bei den Bewerbern sehr gut an. Letztlich sind das wertvolle Erfolgsgeschichten, die wir über Online-Kanäle noch breiter streuen können. Standortmarketingmaßnahmen werden wir in Zukunft noch verstärken, um für unseren Standort zu werben, der nach wie vor sehr attraktiv für Fachkräfte und Unternehmen sowie Investoren und Projektleiter ist. Insgesamt hat sich der grundlegende Auftrag der WiRO also nicht verändert. Jedoch haben sich die Schwerpunkte verschoben. Die Maßnahmen sind digitaler und kreativer geworden. Wir stehen in und nach der Krise eng an der Seite unserer Unternehmen aus Industrie und Handwerk und werden unsere unterstützenden Aktivitäten am Bedarf der Akteure ausrichten.

Das neuste Projekt ist das Welcome Center. Was steckt dahinter und welche Ziele verfolgen Sie damit?

Die demografischen, aber auch die technischen Entwicklungen verändern die Märkte, Unternehmen und die Gesellschaft. Die Pandemie hat zwar zu Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt geführt und die Einreise von Fachkräften aus dem Ausland erschwert. Der Bedarf an qualifizierten Fachkräften besteht jedoch in vielen Branchen, etwa im Bereich der Gesundheitswirtschaft, der Pflege oder in der Bau- oder IT-Branche. Mit dem Welcome Center wollen wir gezielt internationale
Fachkräfte gewinnen und über die Attraktivität unseres Lebens- und Arbeitsraums Ostwürttemberg informieren. 

Wie ist der Stand?

Im September hat das Welcome Center den Betrieb aufgenommen. Es unterstützt internationale Fachkräfte beim Start in der Region und gibt einen Überblick zu Fragen des Ankommens und der Integration in der Arbeitswelt. Dabei übernimmt die Einrichtung die Erstberatung und weiterhin eine Lotsenfunktion, indem es auf die anderen regionalen Akteure und Spezialisten zur richtigen Zeit verweist und unterstützt Unternehmen und Personalverantwortliche bei allen der Personalbeschaffung und Integration internationaler Fachkräfte. Das bei der WiRO als Trägerangesiedelte und gemeinsam mit der Hochschule Aalen koordinierte Projekt läuft bis Dezember 2023 und wird vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau gefördert sowie durch den Ostalbkreis und die Städte Aalen, Ellwangen und Schwäbisch Gmünd finanziell unterstützt. Die Zielgruppe der internationalen Studierenden wird im engen Schulterschluss mit den regionalen Hochschulen bearbeitet. Als Ansprechpartnerin steht Evgeniya Abdieva als Leiterin zur Verfügung. Eine weitere Personalstelle wird an der Hochschule Aalen angesiedelt.

Sind in Krisenzeiten wie diesen solche Projekte, die sich dem Fachkräftemangel widmen, überhaupt notwendig? Immerhin baut vorallem die Autoindustrie derzeit zahlreiche Stellen auch in der Region ab…

Um die klassische Automobilbranche und Zuliefererbetriebe machen wir uns tatsächlich Sorgen, denn die Transformation trifft unsere Region stark und nicht jeder Arbeitsplatz wird bestehen bleiben. Wir setzen auf Projekte im Bereich Fachkräftesicherung, denn es wird eine Zeit nach der Krise geben und dann benötigen wir wertvolles Know-how, wenn auch vielleicht an anderer Stelle. Es werden neue Berufsfelder entstehen, die qualifizierte Fachkräfte erfordern. Zudem
wird es auch weiterhin Mangelberufe geben, wie zum Beispiel in der Gesundheits-, Pflege oder Baubranche sowie im Bereich IT. Wir appellieren an die Firmen, bei der Sicherung und vor allem Qualifizierung ihrer Mitarbeiter nicht nachzulassen und die Phase der Kurzarbeit für Qualifizierungsmaßnahmen zu nutzen. Auch die Mitarbeiter selbst müssen sich für Weiterbildung und Qualifizierung noch mehr öffnen, da sich die Arbeitswelt verändern wird.

Die Autoindustrie ist in der Region ein wichtiger Arbeitgeber. Wie lässt sich der Strukturwandel in der Region bewältigen?

Mit unseren Aktivitäten sensibilisieren wir die Unternehmen für Trends und neue Geschäftsmodelle. Wir bieten Plattformen, auf denen sich die Unternehmen über Wege und Möglichkeiten informieren und voneinander lernen können. Einige Firmen haben sich erfolgreich diversifiziert und ihre Abhängigkeit von der Automobilbranche damit verringert, indem sie zum Beispiel verstärkt Produkte für die Medizinbranche herstellen. Da unsere regionale Wirtschaft auch frühere Krisen gemeistert hat, sind wir guter Hoffnung, dass ein Großteil der Unternehmen den Strukturwandel meistern wird und neue Geschäftsmodelle erschließen kann. Wir denken, dass neue Zukunftsfelder wie Umwelt, Klima und erneuerbare Energien noch weitere darauf aufsetzende Geschäftsfelder ermöglichen. Aber klar ist, dass sich auch die Arbeitsplätze verändern werden und vorhandenes Personal auch diesen Wandel mitgehen und sich qualifizieren muss.

Mehr als zwei Jahrzehnte war Klaus Pavel Aufsichtsratschef der WiRO, der Nachfolger ist mit Dr. Joachim Bläse der Ostalb-Landrat. Allerdings wurde vereinbart, dass diese Besetzung künftig alle zwei Jahre wechselt und dann Peter Polta den Vorsitz einnimmt. Was sind die Hintergründe der Entscheidung?

Wir als WiRO legen bei allen Aktivitäten viel Wert auf ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen den beiden Gesellschaftern und Landkreisen Heidenheim und Ostalbkreis. Bei vielen Plattformen auf Landesebene ist die Region als erster
Ansprechpartner gefragt und wir vertreten gesamtregionale Interessen. Es war absehbar und ist nachvollziehbar, dass der Aufsichtsratsvorsitz einmal wechseln wird. Dass sich die beiden Landräte partnerschaftlich für eine noch engere Zusammenarbeit auf regionaler Ebene verständigt haben, ist ein sehr gutes Zeichen für die regionale Wirtschaftsförderung und für herausfordernde Zukunftsthemen, die wir am besten mit vereinten Kräften und im Schulterschluss angehen.

Sie sind jetzt rund zwei Jahre im Amt. Wie fällt Ihre Bilanz bis dato aus? Was hat Sie überrascht, was haben Sie noch vor?

  
Die Zeit vergeht wie im Flug. Vieles war so, wie ich erwartet habe, wenngleich keiner mit Herausforderungen wie der Corona-Pandemie rechnen konnte. Wir konnten viele WiRO-Projekte weiterentwickeln, ausbauen oder modernisieren. Wie ich angekündigt hatte, wurden insbesondere die Online-Aktivitäten und Angebote verstärkt. Das neue Förderprojekt Welcome Center hat einen neuen Tätigkeitsbereich für die Gesellschaft eröffnet und passt sehr gut zu unseren Aktivitäten im Bereich Fachkräftesicherung und Standortmarketing. Dass wir alle Kraft in den Ausbau und vor allem die Vermarktung unserer Stärken investieren, ist weiterhin mein erklärtes Ziel für die Gesellschaft und die Region. Ich bin sehr stolz, dass das WiRO-Team in diesem Jahr unter erschwerten Bedingungen aber in sehr kurzer Zeit den Unternehmer-TREFF digital starten und mitviel Herzblut ein spannendes Programm entwickeln konnte. Falls der persönliche Austausch noch länger eingeschränkt sein wird, sind wir jedenfalls technischund auf Grund unserer gesammelten Erfahrungen gut gerüstet, auch weiterhin neue Wege zu gehen und Plattformen für die Vernetzung anzubieten.

Welche Felder und Projekte haben Sie konkret im Blick?

Ich möchte in den kommenden Monaten die Standortmarketingaktivitäten für unsere Dachmarke „Raum für Talente und Patente“ weiterentwickeln und verstärken. Ebenso entwickeln wir gerade ein Konzept für das Thema „Klima, Umwelt und Energie“. Wir denken, dass unsere Region hier schon viel zu bieten hat, der Green Deal jedoch das ein oder andere zusätzliche Geschäftspotenzial für unsere Region bereithält. Das Thema Fachkräftesicherung und damit unter anderem verbunden das Thema Qualifizierung und Weiterbildung rückt noch stärker in den Fokus.

Wie geht es weiter?

Aktuell bearbeiten wir dieses Thema in einer Arbeitsgruppe der Fachkräfteallianz Ostwürttemberg. Hier möchten wir gemeinsam mit den anderen Akteuren daran arbeiten, dass die zahlreich vorhandenen und hochwertigen Qualifizierungsangebote von den Firmen noch stärker genutzt werden, um ihre Zukunftsfähigkeit und Knowhow zu sichern. Darüber hinaus haben wir Projekte und Maßnahmen, wie eine Projektkonzeption für eine MINT-Region Ostwürttemberg ausgearbeitet, die wir weiterverfolgen und bei einer Förderausschreibung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung einreichen möchten. Im Rahmen des Projekts soll die Nutzung der in der Region bereits erfolgreich durchgeführten MINT-Angebote wie der eule gmünder wissenswerkstatt, des explorhino Aalen sowie der Zukunftsakademie in Heidenheim in der Wahrnehmung und Verfügbarkeit steigen – und so selbstverständlich wie der Besuch eines Sportvereins werden. MINT soll als etwas Positives und Alltägliches wahrgenommen werden, denn MINT steht für Forschen, Entdecken, Ausprobieren, Erfinden und Experimentieren
-beste Voraussetzungen für die Talente und Patente von morgen.

Das Welcome Center Ostwürttemberg lädt am 9. Dezember 2020 um 15 Uhr zur hybriden Auftaktveranstaltung unter dem Motto „Talente Willkommen“ ein.